Im Gespräch

Nachhaltig hoch hinaus

Text: Christina Blümel | Foto (Header): © bloomimages

Wohntraum statt Büroraum: Die CG Gruppe AG baut den 120 m hohen Steglitzer Kreisel im Südwesten Berlin zu ÜBERLIN um, dem höchsten Wohnturm der Metropole. Bis 2021 werden sich die ehemaligen Amtsstuben in Eigentumswohnungen verwandeln. Das Hochhaus ist Teil eines multifunktionalen Gebäudeensembles, das ebenfalls modernisiert wird. Dabei wird ein zukunftsweisendes Energiekonzept umgesetzt. Verantwortlich ist die CG Netz-Werk GmbH. Wir haben mit den Geschäftsführern Henry Lorenz und Daniel Nolte gesprochen.

Auszug aus:

EnEV Baupraxis
Fachmagazin für energieeffiziente Neu- und Bestandsbauten
Ausgabe Januar / Februar 2020
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Herr Nolte, Sie sind Mitarbeiter der GASAG Solution Plus, Herr Lorenz, Sie arbeiten für die CG Gruppe. Können Sie uns diese Konstellation erklären?

Lorenz: Die CG Netz-Werk GmbH ist eine Kooperation zwischen der CG Gruppe und der GASAG AG. Wir wollen nachhaltige dezentrale Energiekonzepte in den Projekten der CG Gruppe entwickeln und umsetzen. Die Nutzer profitieren von einer ökologischen Energieversorgung, die wesentliche Beiträge zum Klima- und Ressourcenschutz leistet.

Nolte: Der Energiedienstleister GASAG Solution Plus ist eine Tochtergesellschaft der GASAG AG. Unser Fokus sind klimaeffiziente Energielösungen aus einer Hand unter Berücksichtigung innovativer Technologien. Wir übernehmen sämtliche Investitionen in die Anlagen und stellen auch deren Betrieb langfristig sicher. Unsere gemeinsamen Projekte in der CG Netz-Werk GmbH zeigen das Potenzial der engen Partnerschaft zwischen Entwickler und Energieunternehmen. Gemeinsam suchen wir nach maßgeschneiderten und innovativen Lösungen, denn jedes Projekt ist anders.

Eines Ihrer spektakulärsten Projekte ist der Umbau eines Büroturms im Berliner Südwesten. Aus dem 120 m hohen Steglitzer Kreisel wird ÜBERLIN, ein Wohnturm des gehobenen Preissegments. Wie lösen sie hier das Versprechen der Nachhaltigkeit ein?

Lorenz: Zunächst ist ÜBERLIN, also der Wohnturm, der dominierende Baukörper. Zum Modernisierungsprojekt gehört aber die gesamte Baugruppe: neben dem Hochhaus ein Hotel, Einzelhandel, Büros, Praxen und Ladeinfrastrukturen. Vom energetischen Standpunkt betrachtet ist ÜBERLIN Teil eines multifunktionalen urbanen Quartiers. Eben diese verschiedenen Nutzungsformen decken wir mit dem energieeffizienten Konzept ab.

Wie sieht das Energiekonzept aus?

Lorenz: Wir haben ein Versorgungssystem entwickelt, das Wärme, Kälte und Strom vor Ort erzeugt. Es werden ca. 60 % CO2-Emissionen gegenüber konventionellen Techniken eingespart. Das System besteht aus zwei hocheffizienten Blockheizkraftwerken, zwei Wärmepumpen und drei Kälteanlagen. Dazu kommen noch Photovoltaik-Anlagen. Sie befinden sich an der Fassade.

Nolte: Die beiden Erdgas-BHKW im ersten Untergeschoss des Turms erzeugen jeweils 168 kWth pro Jahr. Die elektrische Leistung beträgt 160 kWel. Der Strom treibt die drei Kompressionsanlagen und die beiden Luft-Wasser-Wärmepumpen an, die Energie zum Heizen und Kühlen erzeugen, bei einer jeweiligen Heizleistung von 38 kW. Zusammen decken die verschiedenen Erzeuger die Hälfte des jährlichen Wärmebedarfs von 3.800 MWh ab, die benötigten 1.200 MWh Kälte gänzlich.

Welchen Ertrag haben die PV-Anlagen?

Nolte: Beide PV-Anlagen erzeugen zusammen einen jährlichen Stromertrag von 130.000 kWh, die ebenfalls zur Generierung thermischer Energie beitragen. Sie treiben die Kälteanlagen und die Wärmepumpen an.

Teil des Systems ist die Ladeinfrastruktur für Elektromobilität. Die EnEV gibt vor, dass ab 2025 Stellplätze nicht nur bei neuen Wohnbauten, sondern auch bei Bestandsbauten zumindest vorverkabelt sein müssen. So lassen sich Ladestationen problemlos auch nachträglich einrichten. Sie erfüllen schon jetzt die Vorgabe. Warum?

Lorenz: Es gibt schon jetzt eine große Nachfrage nach Ladeinfrastrukturen. Tatsächlich finden nur wenige Ladevorgänge im öffentlichen Raum statt. Das Problem ist bekannt: Nutzer wollen ihren Stromer ohne große Umwege aufladen können, idealerweise in der Nähe des Arbeitsplatzes oder der Wohnung. Und natürlich die Garantie haben, dass der Ladeplatz auch frei ist.

Die Verkehrswende wird nur dann gelingen, wenn wir im großen Maßstab Ladestellen in der Nähe von Wohnung oder Arbeitsplatz errichten. Deswegen sorgen wir schon jetzt in unseren Immobilien für eine voll funktionsfähige Infrastruktur.

Nolte: Die Elektromobilität ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass bislang eher separat betrachteten Sektoren der Energiewirtschaft, wie Elektrizität und Mobilität, nun gemeinsam gedacht werden müssen, um die Energiewende zu schaffen. Bei ÜBERLIN sehen wir eine Leistung von 11 kW pro Ladepunkt vor. Dafür verwenden wir den überschüssigen Eigenstrom, den die BHKWs und die Solarmodule erzeugen.

Wie erfolgt die Abrechnung?

Nolte: In diesem Projekt arbeiten wir mit der Lösung von ubricitity. Ein intelligentes Ladekabel ermöglicht dem Nutzer die Kosten individuell in Rechnung zu stellen, während für die Ladepunktanbieter selbst keine weiteren Kosten anfallen. Das smarte Kabel enthält Technologie zur Steuerung des gesamten Ladevorgangs; von der Ladefreigabe und Verbrauchsmessung bis zur Übermittlung der Verbrauchsdaten zur Rechnungserstellung.

Die meisten Menschen kommen zu ähnlichen Zeiten nach Hause und beginnen dann, ihren Stromer aufzuladen. Wie können Sie vermeiden, dass der Anschluss der Immobilie nicht reicht?

Lorenz: Sämtliche Leistungsbedarfe sind für den Normalbetrieb ausgelegt. Wichtig ist, dass alle Verbraucher die Infrastruktur für ihren Bedarf nutzen können. In Spitzenzeiten greift ein Energiemanagementsystem, das für kurze Zeiten die Leistungen derart regelt, dass sie die Systeme nicht überlasten. Die Leistungen werden also besser verteilt, um vorhandene Leistungsreserven ausnutzen zu können. Dadurch soll sich der Schwerpunkt der Ladevorgänge in die späteren Abend- und Nachtzeiten verlagern, sodass ausreichend Zeit ist, die Batterien aufzuladen.

Die neue Energiewelt löst also in vielerlei Hinsicht Grenzen auf: Immobiles und Mobiles rücken durch die Sektorenkopplung zusammen, Gebäude unterschiedlicher Nutzungen werden in ein übergeordnetes Management integriert. Das bedeutet aber auch, dass die Systeme immer komplexer werden.

Nolte: Energieeffiziente Quartiere sind eine Lösung für die Zukunft. Sie müssen die Wechselwirkung der verschiedenen Energieverbraucher bewerkstelligen. So sind entsprechend geplante Quartiere in der Lage, erhebliche Effizienzpotenziale in unterschiedlichen Sektoren – zum Beispiel Mobilität, Energieversorgung, Abfallwirtschaft, Umweltschutz – auszuschöpfen.

Lorenz: Immobilien haben im Vergleich zu anderen Gütern einen langen Lebenszyklus. Daher ist es für den Betrieb sowie den Werterhalt über die Zeit zentral, dass Immobilien stets modern und aktuell gehalten werden. Durch das Fortschreiten der digitalen Transformation rückt auch das digitale Verwalten und Revitalisieren in den Fokus. Hierfür kann zum Beispiel eine zentrale Software, die alles rund um die Immobilie integriert, ein guter Ansatz sein.

Vielen Dank, für die interessanten und inspirierenden Einblicke in das Projekt und weiterhin viel Erfolg bei der Umsetzung, Herr Lorenz und Herr Nolte!

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